Herzlich willkommen auf meiner Homepage, mit der ich meinen Roman Tochterfreundin vorstellen möchte.

 

Ich wünsche uns eine gute Zeit miteinander

 

Gabriela

 

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Leseprobe

 Eine Geschichte über eine Freundschaft zweier Fraunen, die tiefer geht. Lachen und weinen liegen manchmal sehr nah beieinander.

 

   Mit letzter Kraft färbte die untergehende Sonne die kleinen Wölkchen am hellblauen Himmel in einem sanften Rot-Orange-Ton. Über den Rand eines zarten Wolkengebildes blitzten silbrig helle Strahlen hinaus, die Carla an einen Heiligenschein auf den kitschigen Bildern ihrer alten Religionsfibel erinnerten.

Ein leichter Schauer jagte über ihre nackte Haut, an den Oberschenkeln stellten sich die kleinen Härchen zur Gänsehaut auf. Verschlafen blickte sie durch das Grün der Baumkrone hindurch in den Himmel.

„So ein Mist“, murmelte sie, „ich muss länger geschlafen haben, als ich wollte!“

Nach der Gartenarbeit hatte sie sich in die Hängematte gelümmelt, um noch ein wenig zu entspannen. Lars, ihr Mann, hatte ihr die Matte zum letzten Geburtstag geschenkt und sie so tief zwischen den beiden Bäumen angebracht, dass sich Carla bequem mit einem Fuß abstoßen konnte, um in Schwung zu bleiben. Sie liebte diese gleichmäßige, sanfte Bewegung und wurde jedes Mal wie trunken davon. So konnte sie ihre Gedanken gleiten lassen und sich ihren Tagträumen hingeben.

Carla reckte sich und streckte mit einem verhaltenen Gähnen beide Arme seitwärts. Auf ihrem Dekolleté spürte sie ein heißes Spannen, ihre rechte Wange glühte. Sie blinzelte gegen die Abendsonne.

Über ihr ragten die weitausladenden, knorrigen Äste der beiden Kirschbäume, die reichlich mit dunkelroten Herzkirschen vollhingen. Die dunkelgrünen Blätter gaben ein leicht sirrendes Geräusch von sich, wenn der Wind sacht zwischen ihnen durchblies.

Carla erinnerte sich. Die Lichtpunkte waren ihr auch vorhin übers Gesicht getanzt. Sie hatte blinzeln müssen, ihre Augen geschlossen und sich davontragen lassen auf eine andere, tiefere Ebene. Nur ein paar Minuten. Jetzt war wohl mehr als eine Stunde daraus geworden!

Um die Schläfrigkeit endgültig zu verscheuchen, streckte sie die Arme nochmals weit über ihrem Kopf aus, spannte Po, Oberschenkel, Waden gleichzeitig fest an und zog sich so förmlich in die Länge. Beim Lockern strömte eine wohlige Wärme durch ihren Körper.

Wie spät mochte es sein? Lars hatte noch einen wichtigen Termin, wie er geheimnisvoll verraten hatte und wollte etwas später kommen. Sie solle in jedem Falle zu Hause bleiben. Nun hatte sie das Gefühl, sich sputen zu müssen. Ein leckeres Abendessen hatte sie geplant und außerdem sollte der Tisch noch elegant gedeckt werden. Ihr Mann legte auf Tischdekoration und gesunde Ernährung größten Wert. In der grünen marokkanischen Schüssel mit Silberbesatz würde sie einen knackigen Salat anrichten.

Doch vor dem Kochen musste sie erst mal duschen. Ärgerlich stellte sie fest, dass sie einen langen, rot leuchtenden Kratzer auf dem Handrücken hatte. Verfluchte Rosen!

„Unkraut zupft man mit Handschuhen“, imitierte sie Lars und murmelte vor sich hin. „So ein Schwachsinn.“ Lars würde wieder meckern, er hasste ungepflegte Hände, erst recht bei einer Frau.

„Aus dir wird nie eine Dame“, stöhnte er oft.

Unter ihren Fingernägeln setzte getrocknete Gartenerde, sehr undamenhaft, ganz besondere Akzente. Wenn sie auf allen Vieren durch den Garten kroch, unter Büschen arbeitete, blieb der Kontakt mit der tiefbraunen Erde nunmal nicht aus. Es machte ihr nichts aus im warmen, lockeren Boden zu wühlen, Unkraut zu zupfen. Im Gegenteil, sie wurde eins mit der Natur und empfand tiefe Befriedigung in ihrem Tun. Die Gewissheit jedem kleinen Pflänzchen Raum zum Wachsen zu verschaffen, erfüllte sie mit Freude. Jede Blüte, jeder frische Duft belohnte sie für ihre Arbeit.

Mit Schwung reckte sich Carla aus der Hängematte und stand auf. Sie verknotete ihr Handtuch über ihren üppigen Brüsten und machte sich auf den Weg zum Haus. An der hinteren Eingangstür spülte sie mit dem Gartenschlauch den gröbsten Schmutz von Füßen und Händen und tappte mit nassen Füßen, kleine Wasserlachen hinterlassend, über den Fliesenboden ins Haus.

War da ein Geräusch?

„Lars, bist du da?“, rief sie mit lauter Stimme in Richtung Wohnzimmer.

Stille!

Die Jalousien, die sie schon vormittags geschlossen hatte, um den Raum nicht zu arg durch die Sonne aufheizen zu lassen, verdunkelten das Wohnzimmer. Sie hielt einen Moment inne, um ihre Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Im nächsten Augenblick erschrak sie voller Panik. Über einer Ecke der hellen Tischplatte aus gebürstetem Pinienholz schimmerte es auffallend dunkel.

Wie konnte ausgerechnet auf dem teuren Tisch etwas ausgelaufen sein? Lars hatte den fast drei Meter langen, spanischen Rocco-Designertisch als Ausstellungsstück auf einer Möbelmesse in Valencia erstanden. Er würde nie verzeihen, wenn Gebrauchsspuren zu erkennen wären! Mit Argusaugen wachte er über dieses sündhaft teure Möbel mit den runden, dicken Edelstahlbeinen. Eines dieser Beine verschwand hinter dem undefinierbaren Schwarz. Beim Näherkommen erkannte sie einen Stoff, der wie locker hingeworfen auf der Tischplatte lag. Das Material war seidenweich und entpuppte sich zu einem langen Kleid.

Fasziniert starrte Carla auf das Schillern des feinen Stoffes. Sie erinnerte sich ihrer feuchten Hände und hielt das Kleid erschrocken nur noch mit Daumen und Zeigefinger nach oben.

Es war unglaublich schön, schon jetzt, wie würde es erst angezogen aussehen? Einen Moment gab sie sich dieser Vorstellung hin, doch dann entdeckte sie unter dem Tisch die langstielige Rose mit tiefroten Blütenblättern. Direkt daneben lag eine cremefarbene Karte mit Lars‘ geschwungener Schrift:

 

Für die Schönste, für meine Prinzessin!

 

 Sie lächelte.

„Lars, - Lahars“, rief sie laut zum Treppenaufgang.

Zwei Stufen auf einmal nehmend hastete sie die helle Freitreppe hinauf in Richtung Badezimmer. Durch die Glastür konnte sie den Umriss seines braungebrannten nackten Körpers sehen.

„Hey Prinzessin, wie siehst du denn aus?“, begrüßte er sie lachend, als sie die Tür aufriss. Mit offenen Armen ging er auf sie zu.

„Oh, Lars, ich bin nach der Gartenarbeit in der Hängematte eingeschlafen“, murmelte sie zerknirscht in kindlichem Tonfall.

 „Schau wie ich aussehe!“

Sie entknotete ihr Handtuch, ließ es fallen und deutete auf ihre Brüste, die heftig von der Sonne gerötet waren.

„Hmmm, lecker“, konterte Lars und griff nach ihr.

„Neiiiin,“ schrie sie entsetzt, „lass mich, ich muss mich erst duschen, ich stinke sicher fürchterlich nach Schweiß und Erde“, wehrte sie ab.

„Lass mal riechen!“ Vorwitzig mümmelte er mit seiner Nasenspitze wie ein Hase.

„Finger weg! Pack deine Nase weg!“

Stattdessen packte er mit schelmischem Blick eine ihrer vollen Brüste und wog sie genüsslich in seiner zur Schale geformten, großen Hand.

„Viel Schweiß ...“, äffte Lars, „sehr schwerer Schweiß, doch wirklich!“

Ehe sie sich versah, war er hinter sie getreten und packte auch die andere Brust. Gleichzeitig küsste er ganz zärtlich und behutsam ihren Nacken.

Carla lief eine Gänsehaut vom Haaransatz bis zu den Oberschenkeln hinab. Lars wanderte mit raschen Küssen zur Schulter hin und verteilte dabei den letzten Rest seines Rasierschaums auf ihrer Haut.

Im Spiegel trafen sich ihre Blicke. Gleichzeitig prusteten sie los und lachten ihrem Spiegelbild zu.

„Danke, Lars, für ...“

Sie konnte ihren Satz nicht vollenden.

„Wofür denn meine Süße, für den Rasierschaum ...? Komm, lass uns mal wieder gemeinsam duschen“, raunte Lars schwer atmend in ihr Ohr.

Seine Lippen verschlossen ihren Mund, mit festem Griff schob er sie in die Dusche. Carla prustete laut beim ersten Schwall kalten Wassers auf ihrem Körper und Lars rubbelte sie kräftig durch. Sie drehte rasch den Glasspender um und ließ Duschgel in ihre linke Hand laufen. Im selben Moment, als sie ihre Achselhöhle einschäumte, spürte sie in ihrem Rücken sein steifes, forderndes Glied.

In dieser geräumigen Dusche hatten sie schon oft Sex gehabt. Sie mochte das Liebesspiel bei Tag, wenn sie ihn betrachten konnte. Der große Spiegel an der gegenüberliegenden Seite der Dusche war genau an der richtigen Stelle montiert.

Ihr Blick folgte oft dem muskulösen Spiel seiner knackigen Pobacken. Sie mochte seinen  wohl proportionierten Körper, der von seinem regelmäßigen Sport gestählt war. Seine Muskeln zeichneten sich unter der samtigen Haut besonders an den Oberarmen und seinen festen Oberschenkeln ab.

Ihr Körper glühte jetzt nicht mehr nur von der Sonne.

Freudig nahm sie seine festen schnellen Stöße in sich auf. Keuchend stemmte ihm Carla ihr Becken entgegen und bemühte sich auf dem nassen Boden Halt zu finden.

Mit leuchtenden Augen verteilte Lars in kreisenden Bewegungen das Duschgel auf ihren schaukelnden Brüsten. Sie stimmte mit ihrem Po in seine Bewegungen ein. Die Duschstange diente ihr als Halt. Gurrend fiel sie in den schneller werdenden Rhythmus ein, lachte und stöhnte in einem.

Sie waren ein gut eingespieltes Team, er sah es ihren Augen an, der Spannung in ihrem Gesicht, er wusste ganz genau, wann sie kommen würde. Er musste nichts hinauszögern, er konnte sich gehen lassen.

Wie eine große Welle riss sie ein heftiger, lang anhaltender Höhepunkt mit.

 „Geiles Luder“, grunzte Lars und schlug mit einer Hand auf ihre nassen Hinterbacken, dass es klatschte. Mit harten, festen Stößen ergoss er sich in sie.

 „Oh, du Mistkerl“, schrie Carla und drehte die Schwalldusche voll auf. Lars traf die kalte Flut vollkommen unerwartet, aber er hatte sich rasch unter Kontrolle, packte Carla und zog sie eng an sich heran.

Ein wildes Gerangel folgte und Lars gab sich schließlich spielerisch geschlagen und rief: „Ich ergebe mich, du hast gewonnen. Komm, ich muss dir noch was Wichtiges sagen. Gib mir noch einen Schluck von dem schönen, warmen Wasser; um die Seife abzuspülen“, flehte er. „Bitte!“

Carla gewährte ihm die Bitte, drehte die Schwalldusche ab und überließ mit einem Satz Lars den Duschtempel alleine.

Gleich darauf verließ auch Lars die Dusche. Dankend nahm er das flauschige Duschtuch von Carla entgegen und neigte, wie so oft nach dem Duschen, seinen Kopf schräg zur Seite.

Den kleinen Finger im Ohr, hüpfte er auf einem Bein auf und ab und sang recht unmelodisch: „Wasser im Ohr, Wasser im Ohr, kommt zum Glück recht selten vor ….“

Carla kam grinsend auf ihn zu.

„Lass mich mal auf der anderen Seite reinblasen“, schürzte sie die Lippen, „dann kommt sicher eine richtige Fontäne raus.“

„Gute Idee, aber falscher Ort zum Blasen, ha, ha ...“

Carla schlug kichernd mit ihrem Badetuch auf Lars ein.

„Gnade, Gnade“, winselte er lachend.

„Also gut, du Schuft!“

Carla schlang sich ihr Badetuch um die Hüften und schaute ihn mit fragendem Blick an.

„Was wolltest du mir vorhin so Wichtiges sagen?“

„Schneider hat seine Stele verkauft, die aus Bronze! Dreizehn Mille!“

„Donnerwetter! Wer hat denn die gewollt?“

„Ein Japaner! Hey, das muss gefeiert werden. Verkauft ist, wenn die Kohle da ist, hat Schneider gemeint. Seit Tagen hat er mit der Zusage gerechnet, also so ganz unvorbereitet kam es ja nun nicht. Weil heute das Wetter so gut ist, hat er eine spontane Gartenparty im engsten Kreis angesagt. Selbst im Juni ist es ja nicht selbstverständlich, dass es auch am Abend so warm ist. Laut Wetterbericht soll es heute so bleiben. Das muss man ausnutzen. Also, mach dich fein!“

„Waaas? Heute?“ Carla schaut ihn entsetzt an.

„Ich habe eingekauft und wollte heute Abend was Leckeres kochen und danach mit dir gemütlich vor der Glotze liegen. Es kommt ein toller Film bei Arte.“

„Stell dich nicht so an, Prinzessin, hast du mein Geschenk auf dem Esstisch gesehen?“

„Wollte vorhin ganz brav Danke sagen“, maulte sie, „aber gewisse anstehende Dinge haben mich daran gehindert.“ Mit einem breiten Grinsen untermalte sie ihre theatralisch dargebrachte Aussage.

 „Doch, doch, das war schon ein sehr anständiges Danke. Das kann man durchgehen lassen. Aber jetzt komm, mach dich fertig! Hübsch dich an, schön bist du ja schon und … ziehe das Kleid und die smaragdgrünen Ohrringe dazu an. OK?“

Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte wohl kaum ablehnen.

„Bringst du es mir hoch?“

 „Natürlich, mein Kleines.“

Schmunzelnd machte er sich auf den Weg.

 Sie wurde fast immer von Lars beraten, wie er es nannte. Dabei wurde er fast sauer, wenn sie seinen Wünschen nicht entsprach. Meist gab sie deshalb nach. Manchmal nervte sie das granatenmäßig.

„Er hat es ja gut …“, sinnierte Carla „…er weiß ja immer, was er anzieht“.

Lars trug Schwarz. Immer! Schwarz ist Ausdruck von Vornehmheit und Eleganz, der Körper wirkt schlanker. So neckte er sie oft und spielte auf ihre Oberschenkel an. Alle Versuche Carlas, Farbe in seine Garderobe zu bringen, waren kläglich gescheitert.

Trug er Anzug oder Smoking, wählte er selbstverständlich ein weißes Hemd. Ausdruck höchsten Zugeständnisses, wie Carla spöttisch dachte, ist dann eine farbige Seidenkrawatte. Dezenten Blütenmustern gab er den Vorzug.

Im Alltag waren es jedoch kostbare Seidenhemden mit eingewebten Strukturen, Shirts mit mercerisierter Baumwolle, allesamt schwarz natürlich. Für den Sommer hatte er handgestrickte, schwarze Pullis aus Eisgarn, die er in einem kleinen Laden in Heidelbergs Altstadt teuer auf Maß stricken ließ. Im Winter trug er Baumwollpullis von Lacoste, Carlo Colucci oder Boss. Sündhaft teuer, wie sie fand, und zudem meinte sie, dass man den Preis nicht erkennen könne. Für sie spielten Marken, sehr zu Lars Leidwesen, gar keine Rolle.

Carla trennte die Label-Etiketten aus ihren Klamotten, weil sie kratzten und daher störten. Manchmal konnte sie sich später gar nicht erinnern, von wem ihre kostbaren Teile stammten.

In Gedanken versunken, begann sie ihre nassen Haare zu kämmen. Zum Waschen war sie nun nicht mehr gekommen, doch sie hatte sie ja heute Morgen gewaschen, erinnerte sie sich. Ein Haarschaum zum Einkneten musste ausreichen, damit würde sie die rote Mähne bändigen. Carlas Haar war von einem dunkel schimmernden Rot. Alles war echt und darauf war sie ungemein stolz.

Als sie Lars kennengelernt hatte, führte er sie alsbald zu einem Starfrisör, der mal Form rein bringen sollte.

Form und Pflege! Er hatte peinlichst genau mit dem Frisör besprochen, wie die neue Frisur sein sollte, was zum Kopf, zur Struktur des Haares passen würde.

Sie redeten über ihre Gesichtsform, als sei sie eine Puppe. Sie fühlte sich verloren auf dem großen Stuhl, der nach Belieben rauf und runter gefahren werden konnte und dann gedreht. Ihr Hinterkopf wurde geprüft, wäre ein Bob der passende Schnitt? Glücklicherweise entschied man sich gegen einen Bob, und doch hatte letztlich dieser affige Frisör André ihr mehr als eine Handlänge gestohlen.

Mit der Effilierschere wurden ihre Locken ausgedünnt und leicht gestuft. Zugegeben, schlecht sah das Ganze ja nicht aus, nur anfangs etwas fremd. Sie hatte einige Zeit gebraucht, um mit ihrem neuen Spiegelbild vertraut zu werden.

Die Tür ging auf und Lars riss sie aus ihren Gedanken.

„Hier Kleines!“ Er reckte ihr seinen ausgestreckten Arm entgegen und ließ dabei das Kleid sanft auf die große Ablage vor dem Spiegel gleiten.

„Danke“, lächelte ihn Carla an. „Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es mir passen wird. Will mich noch eincremen und Haare föhnen. Du wirst wohl gleich fertig sein?“, mutmaßte Carla und ließ ihren Blick über sein lichter gewordenes kurzes Haar gleiten. Obwohl Carla eine Schwäche für lange Haare hatte, fand sie es gut, dass er zu seinen lichten Stellen stand und nicht zum Querkämmer mutierte.

Er gefiel ihr immer noch gut und die Silbersträhnen zwischen dem Dunkel fand sie sehr reizvoll.

„Nun verschwinde mal“, scheuchte Carla ihn hinaus, „Frau muss in die Trickkiste greifen. Die Konkurrenz schläft nicht.“

Schwach protestierend verließ er das Bad und verschwand in seiner Ankleide.

Carla erfasste eine mit nichts zu vergleichende stille Freude. So fühlte sie sich oft, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Alles in ihr war so fließend, so weich und sensibel. Mit einem sanften Lächeln um die Mundwinkel begann sie, sich sorgfältig zu cremen. Hingebungsvoll kreisten ihre Hände über ihre Brüste, die eben noch in Lars festem Griff gewesen waren. Durch diese Erinnerung stieg erneut eine warme Welle in ihr hoch.

Sie mochte ihren Körper, auch wenn sie gerne fünf Zentimeter größer gewesen wäre. In ihrer Altersgruppe war sie immer bei den Kleineren. Heute wurden die Frauen wesentlich größer. Einhundertundsechzig Zentimeter war nicht eben Modelgröße, wobei sie, besser gesagt ihr Oberkörper, schon als Modell gedient hatte.

Max hatte sie vor acht Jahren mit einer unglaublichen Beharrlichkeit überredet, ihm Modell zu sitzen. Max war ihr Lieblingscousin. Als sie noch solo war, sind die beiden oft miteinander ausgegangen. Damals hatte er den Durchbruch als Bildhauer geschafft. Zunächst hatte er unzählige Studien in Kohle betrieben. Danach folgten zweiteilige Gipsabdrücke von ihrem Oberkörper, die er später in Ton gestaltete, um ihn zum krönenden Abschluss aus hellem Sandstein herauszuarbeiten.

Sie bewunderte Max, die Treffsicherheit der harten Schläge mit dem Knüpfel, einem speziellen großen Holzhammer und seinem Spitzeisen oder Meißel. Stundenlang saß sie in Bad Dürkheim in seinem Atelier und schaute ihm begeistert zu. Vor seiner Karriere war er bei einem Professor in München in der Ausbildung. Dieser hatte einem Herrn von Felsen einen Insidertipp gegeben: „Großes Talent.“

So erhielt Max eines Tages vollkommen unerwartet den Anruf eines Herrn von Felsen. Nach einem Besuch in Max‘ Atelier hatte er ihm seine Unterstützung bei einer großen Ausstellung angeboten.

Von Felsen betrieb eine gutgehende Künstleragentur und Galerie in Heidelberg. Seine „Künstlerschmiede“ - im wahrsten Sinne des Wortes - war international tätig und immer wieder auf der Suche nach jungen Talenten, nach unverdorbenen, kreativen Geistern.

Max hatte sein Glück nicht fassen können.

„Du musst mich zur Vernissage begleiten, ohne dich schaffe ich das nicht!“, hatte Max Carla inständig gebeten. Max war damals noch kein großer Redner. Er ging in seiner Arbeit auf, da war er der sichere Meister.

„Nur wenn du niemals verrätst, dass ich dir Modell gestanden habe“, hatte damals Carla eingewilligt und hätte nicht im Traum gedacht, dass dieser Abend ihr Leben verändern würde.

Carla erinnerte sich oft, wie Max und sie sich mit einem Gläschen Sekt die Aufregung nehmen wollten. Dummerweise war das innere Beben dadurch nur noch verstärkt worden.

Mit einem solchen „Melting Pot of Nations“ hatten weder Max noch Carla gerechnet.

Asiaten in noblen Anzügen.

„Such dir einen aus!“, hatte Max gefrotzelt, „Alles passende Männer für dich, zumindest was die Größe anbelangt!“

Franzosen waren zahlreich erschienen. Wie sie später erfahren hatte, waren es Französisch sprechende Schweizer.

Einige Kunsthändler waren aus Übersee gekommen, „To buy cheap in the old world.“

„Diese Amis“, hatte Carla damals geringschätzig gedacht, ohne zu ahnen, welche Tore ihrem Mäxchen geöffnet würden.

Britta, eine Frau die Acryl auf Sand brachte,

Leo, ein Öl - auf - Leinwandmaler und

Max mit seiner „Ästhetik in Stein“.

 

Mit kräftiger, voll tönender Stimme hatte Lars von Felsen mit wohlgesetzten Worten und sprühendem Witz die einzelnen Kunstwerke erklärend durch die Vernissage geführt.

Die Menschen hingen an seinen Lippen. Sein Charisma legte sich wie weiche, fließende Seide über Skulpturen und Bilder. Carla konnte ihn nicht mehr aus den Augen lassen.

Als der Mann in Schwarz die Gäste zu Max` Büste führte, für die Carla Modell gestanden hatte, stockte ihr der Atem. Plötzlich fühlte sie sich entblößt. Alle starrten auf ihre Brüste, die Fülle, die gelungene und natürliche Form bewundernd. Kennermienen nickten wohlwollend. Abgesehen von seiner Stimme, herrschte im Raum völlige Stille.

Lars von Felsen strich sanft, fast liebevoll über den kühlen Stein, der ihre Brust darstellte. Sie hätte aufschreien mögen. Ihr stockte der Atem.

Ihre Brust! Seine Kommentare drangen in diesem Moment als unverständliches Murmeln an ihr Ohr, wie ein leises Wummern. Ihr trockener Hals zwang sie zu einem leisen Räuspern. Alle Anwesenden schauten zu ihr hin, auch er.

Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht, glitt abwärts und wieder zurück zu ihren Augen. Ihr Blick traf den seinen. Sie spürte die Röte in ihrem Gesicht und verfluchte die hektischen Flecken auf ihrer Haut, die immer dann auftauchten, wenn sie furchtbar aufgeregt war. Er liest in meinen Gedanken, schoss es ihr durch den Kopf.

 Hatte sie sich verraten? Wusste er, dass er soeben ihre Brust berührt hatte?

 Diesen Moment empfand sie wie eine Ewigkeit.

Auf ihrem Busen und am Nacken bildete sich ein leichter Schweißfilm. Zu gerne wäre sie geflohen, hätte gerne Max gesucht, um sich Rückhalt bei ihm zu holen. Später konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie auf das bequeme, rote Sofa gekommen war. Das Champagnerglas kühlend an ihre Wange haltend, hörte sie Max‘ Redeschwall zu. Er befand sich ebenfalls in einem Taumel, wenngleich ganz anderer Art.

Er schlug auf dieser Ausstellung ein, wie eine Bombe. Noch am selben Abend erhielt er das Angebot, an einer Kunstausstellung in New York teilzunehmen.

„Das könnte der Sprung sein“, jubelte Max damals aufgeregt.

New York war gebongt! Damit begann die steile Karriere von Max Noll!

Carla fiel aus allen Wolken, als der Mann in Schwarz sich um sie bemühte.

Mit einer bestechenden Originalität warb er um sie. Carla, die im Leben nicht damit gerechnet hatte, von diesem Mann überhaupt beachtet zu werden, fühlte sich geschmeichelt. Sie, eher still, zuweilen auch ein wenig unsicher, war es nicht gewohnt im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Schneller als es ihrer Art entsprochen hatte, unterlag sie seinem Werben. Er war faszinierend anders als die jungen Männer, die Carla vor ihm gekannt hatte.

Seine Reife, seine Souveränität beeindruckten sie sehr. Außerdem hatte er Erfahrung, wie er damals mit einem Augenzwinkern durchblicken ließ. „Das merkt man“, hatte sie lachend gestanden und ließ sich gerne von ihm führen und verführen. Stets im Zentrum seiner Aufmerksamkeit, sog sie seine sprühende Art und seinen Charme auf und entfaltete sich wie eine Blüte in der aufgehenden Sonne. Sechs Monate später, gerade mal vierundzwanzig Jahre jung, wurde sie seine Frau.

 

„Carla, bist du gleich fertig?“, drang Lars‘ Stimme an ihr Ohr und riss sie aus ihren Gedanken.

„Oh, ich habe getrödelt. Dauert nicht mehr lange!“

 Den Rest der Creme verrieb sie flüchtig auf ihren Oberschenkeln. Sie waren noch ein wenig draller geworden, sie musste aufpassen. Erwartungsvoll streifte sie sich das neue Kleid über.

Es fühlte sich unglaublich gut an auf ihrer Haut. Ein weicher, fließender Stoff, der vorgaukelte, ein leidenschaftlicher Liebhaber hauche seinen warmen Atem auf alle Stellen ihres Körpers zugleich. Auf einen BH musste sie bei dem tiefem Ausschnitt am Rücken verzichten, was ein Übriges zu ihrem ganz persönlichen Kribbeln beitrug.

Kritisch drehte sie sich vor dem Spiegel.

An den Hüften lag der Stoff ein wenig straffer an und kaschierte damit ausgezeichnet ihre etwas tiefer gelegene Problemzone.

Mit den schwarzen Samtpumps würde sie größer wirken.

Das Dekolleté musste sie pudern. Die Sonne hatte es mehr gerötet, als ihr lieb war.

Viel zu föhnen gab es nun nicht mehr, ihr Haar war fast getrocknet. Sie steckte den Diffuser auf, föhnte und knetete sich gleichzeitig ein wenig Mousse ins Haar. Geschickt steckte sie die smaragdgrünen Ohrgehänge an, die mit ihrer Augenfarbe perfekt harmonierten.

„Das muss reichen“, meinte sie zu ihrem Spiegelbild nach wenigen Minuten. Ein Husch von Wimperntusche, ein Hauch von Lipgloss, mehr mochte sie nicht. Fertig!

Im Bewusstsein ihrer Ausstrahlung schritt sie die Treppe hinunter und drehte sich vor Lars langsam um ihre eigene Achse, was er mit einem wohlwollenden leisen Pfiff kommentierte.

 

 

Lautes Stimmengewirr und Gelächter klang ihnen schon auf der Straße entgegen.

„Eingang durch den Garten“ lasen sie auf einem handgemalten Schild. Die Party war wohl schon in vollem Gange, als sie durch das alte schmiedeeiserne Tor eintraten.

Überall brannten Fackeln und produzierten ihre dünnen, nach oben züngelnden schwarzen Rauchsäulen. Kleine bauchige Glasbehälter in Eisenhalterungen tauchten die runden Stehtische mit ihren Teelichten in ein warmes Licht. Etwa acht oder zehn dieser Tische waren in lauschigen Nischen an akkurat geschnittenen Hecken oder unter mächtigen Bäumen im Garten verteilt. Das Zentrum an der überdachten Sommerküche war hell erleuchtet. Eine lange Tafel war sehr geschmackvoll eingedeckt. Eindeutig Karins Handschrift.

Auch Schneiders Gartenhäuschen, seine Werkstatt, war prächtig illuminiert. Nostalgische Laternen baumelten an den Holzbalken der Überdachung in der lauen Sommernacht.

Schneider entdeckte seine Neuankömmlinge sofort, drängte sich schlängelnd an seinen anderen Gästen vorbei und kam mit freudigem Gesicht auf Carla und Lars zu.

„Carla, du wirst immer schöner! Dieses Kleid! Neu?“

Anerkennend zog Schneider eine Augenbraue hoch. Er hauchte Carla einen Kuss auf die linke und einen auf die rechte Wange.

„Diese Ohrringe, mein Gott, ein Grün wie ein tiefer See, so tief wie das Grün deiner Augen“, schwadronierte er schwülstig.

Als er sie zu sich heranzog, streifte sein Daumen wie zufällig ihren Brustansatz.

Geiler Bock, dachte Carla und lächelte ihn dabei freundlich an.

„Lars, du hast das absolute Super-Los gezogen mit deiner schönen jungen Frau! Ich sage dir, eine Blüte von Frau! Du weißt ja gar nicht, was für ein Glück du hast!“

Lars antwortete mit einem selbstzufriedenen Nicken und sonnte sich in der Wertschätzung des Gastgebers.

Nach Schneiders Einschätzung war die Blüte seiner Frau Karin vorbei. Karin war einige Jahre älter als Schneider.

Es gab eine Zeit, in der sie dem Jugendwahn folgend, einige Korrekturen hatte vornehmen lassen. Eine Weile hatte sie mit Vernarbungen zu kämpfen und irgendwann beschloss sie zu bleiben, wie sie war. Karin erkannte, dass sie dem Alterungsprozess ohnehin nicht entgehen konnte.

Dennoch war sie immer noch eine schöne und sehr attraktive Frau. Nur Schneider schien das nicht mehr zu sehen.

Klein, schlank, zierlich, aber dennoch mit Größe!“, war ein Leben lang ihre persönliche Maxime. Sie überraschte immer wieder mit ihrem zähen Verhandlungsgeschick.

Geschäftspartner des Formates Chauvi-Alleskönner machten häufig den Fehler, sie total zu unterschätzen und realisierten dies erst, wenn sie bereits unwiderruflich auf der Verliererstraße waren. Schon vor zwanzig Jahren hatte ihr Vater ihre Qualitäten erkannt, sie zu seiner rechten Hand erkoren und bereits zu Lebzeiten als seine Nachfolgerin in die Unternehmensnachfolge eingeführt!

Ihr und auch Schneider war es zu verdanken, dass nach dem Tod ihres Vaters das Kohn-Imperium fortgeführt werden konnte. Der alte Kohn mochte den sympathischen jungen Schneider schon bei seinem Eintritt in das Unternehmen auf Anhieb.

Der junge Betriebswirt glänzte durch gutes Auftreten, eifrigen Einsatz und unzählige Überstunden.

Bei nächtlichen Überstunden kamen sich Karin Kohn und Wolfgang Schneider näher. Karin hatte sich unsterblich in den lebenslustigen Mitarbeiter verliebt. Schneider war fasziniert von der reifen, attraktiven Karin. Er bewunderte ihre Power und ihre Gewandtheit. Sie wurden ein Paar.

 

„Mensch, Alter, Gratulation!“

Lars klopfte Schneider anerkennend auf die Schulter.

„Dreizehn Mille für die Stele, das nenne ich einen Erfolg! Ich freue mich mit dir! Die Asiaten haben eben Geschmack!“

„Ja, der Japaner ...“, sinnierte Schneider, „er will noch mehr haben.“ Stolz schwang in seiner Stimme.

 

„Ich gehe mal Karin begrüßen“, löste sich Carla von Lars mit einem flüchtigen Kuss, nickte Schneider zu und machte sich auf die Suche nach ihrer mütterlichen Freundin. Sie hatte keine Lust auf Gesülze à la Schneider. Sie kannte es zur Genüge. Die Stimmen der Männer verloren sich hinter ihr.

Carla schlängelte sich durch die Besuchergrüppchen, grüßte mal hier, mal dort, nickte einem älteren Herrn zu, den sie flüchtig kannte, dessen Name ihr aber entfallen war.

Erstaunlich, wie schnell bei den Kohns spontane Partys steigen konnten. Sie fragte sich, wie Karin das schaffte. Für sie selbst war es schon eine Herausforderung für zwei Gäste zu kochen.

Sie entdeckte Karin, die in ein angeregtes Gespräch mit einer blonden Frau vertieft war. Einen Moment lang war sie unsicher, ob sie nun stören sollte oder nicht, doch schon hatte Karin sie entdeckt und ihr sofort freudig zugewinkt.

„Komm, Carla, trink Schampus mit uns, Schneider muss gefeiert werden!“, rief sie ihr im Näherkommen zu.

 Alle nannten ihn nur Schneider. Beim Einwohnermeldeamt war er als Wolfgang Erich Schneider-Kohn eingetragen. Mit dem Datum seiner Eheschließung hatte man vermerkt, dass er fortan willens sei, Karins Geburtsnamen seinem eigenen anzuhängen. Die positive Außenwirkung für das Unternehmen, meinte Schneider, ließ ja quasi gar keine andere Wahl. Oft genug hatte er sich wie ein Hansel gefühlt, wenn Verhandlungspartner den Chef sprechen wollten. Sie glaubten wohl, er habe keine Entscheidungsbefugnis. Mit dem Zusatz Kohn als Namensteil konnte er sich ohne große Erklärungen als Chef vorstellen.

Karin hatte wohl die ersten eintreffenden Gäste persönlich mit Champagner begrüßt und wirkte recht locker, fast ein wenig spritzig.

„Darf ich dir meine neue Nachbarin vorstellen?“, deutete Karin mit einer Handbewegung auf die junge Frau neben sich. „Petra ist vor drei Wochen dort oben in die Jugendstilvilla der verstorbenen Engelke eingezogen.“

Karin zeigte über die großen Kiefern, die sich entlang der Straße zum Schloss reihten.

 Petra hatte kräftiges blondes Haar, das von einer Spange zusammengehalten wurde, die mit kleinen Holzperlen besetzt war. Ihre hohe Stirn war gewölbt und unter fast unsichtbaren Augenbrauen leuchteten blaue Augen hervor. Sie begegnete Carla mit einem warmen Lächeln.

„Frau ...?“, schaute Carla sie fragend an.

„Sinn, aber Petra genügt!“

Petra zeigte beim Lächeln makellose Zähne. Carla schaute ihr fasziniert direkt ins Gesicht und empfand spontan Sympathie für diese Frau. Es war mal wieder ihr Bauchgefühl, das sich meldete. Eine zierliche, schlanke Hand streckte sich ihr entgegen, die sie gerne annahm. Mit einem verbindlichen Drücken umschlossen warme Finger ihre Hand.

 „Angenehm“, antwortete Carla und spürte ein vertrautes Gefühl als kenne sie diese Frau von früher. Daher dauerte es nicht lange, bis sie über den Smalltalk hinaus, bei gegenseitigem Fragen und Antworten in ein angeregtes Gespräch kamen.

 Einmal schlenderten Schneider, Lars und zwei Männer, die Carla nicht kannte, in einigem Abstand vorbei. Sie hörte zwar die Stimmen, konnte jedoch nur einzelne Wortfetzen verstehen. Lars winkte ihr fröhlich zu, Schneider wirkte ziemlich aufgekratzt und sah nicht auf. Wild gestikulierend redete er auf die beiden Männer ein. Vermutlich badete er in seinem Erfolg und erzählte immer und immer wieder die Geschichte mit dem Japaner.

Karin schaute sich suchend um und winkte einem jungen Mädchen zu, das sie für den Service engagiert hatten. Sie balancierte ein volles Tablett mit Champagnergläsern vor sich her. „Hallo Sina, haben Sie noch einen Schampus für mich?.“

Die Studentin neigte den Kopf: „Sehr gerne, Frau Kohn.“

Geschickt ergriff Karin ein volles Glas vom Tablett, setzte an und nippte. Carla beobachtete Karin eingehend, sie schien heute, trotz der zur Schau getragenen Ruhe, aufgedreht. Normalerweise trank Karin nicht so viel, wie sie es heute offensichtlich schon getan hatte. Fremde würden es sicher nicht merken. Ihr Auftreten war tadellos.

„Ich muss euch unbedingt meinen Lieblingswitz erzählen“, wisperte Karin geheimnisvoll. „Den Witz von den großen Kohnwerken.“ Sie machte eine Pause, tippte an ihre Stirn und wandte sich an Carla.

 „Ach, du kennst den ja schon.“

Fragend schaute sie Petra an. Ihre dunklen Augen funkelten.

„Du? Du kennst den doch bestimmt nicht … oder?“

Belustigt ermunterte Petra sie, zu erzählen. Carla schmunzelte in sich hinein. Sie kannte den Lieblingswitz.

„Also …, der Herr Kohn braucht eine neue Sekretärin“, räuspernd begann Karin, „und er stellt allerhöchste Ansprüche. Aus Hunderten von Bewerberinnen hat Herr Kohn die besten ausgewählt und letztlich drei in die engere Wahl gezogen. Eine Schwarzhaarige, eine Blondine und eine Rothaarige. Die Schwarzhaarige mit schönen langen Beinen und ...“, Karin deutete zwei große Kugeln vor ihrer eigenen Brust an, „... wurde in Kohns Büro gerufen.

 Der Chef: Respekt junge Frau, Sie haben ausgezeichnete Zeugnisse, ich erwarte jedoch mehr, als nur gute Noten. Ich möchte testen, ob Sie mitdenken können, ob Sie assoziieren können.“

Carlas Gedanken schweiften ab. Sie hörte Karins Stimme, ihr fröhliches Gekicher, doch auf die einzelnen Wörter konzentrierte sie sich nicht mehr. Vielmehr verfolgte sie die Mimik ihrer Freundin, die Lebendigkeit in ihren Augen. Eine Welle der Zuneigung durchflutete sie.

In ihrem Erzählen wuchs Karin über sich selbst hinaus.

„Jetzt wird´s richtig gut, passt auf!“

Karin hatte Mühe fortzufahren und ihr eigenes Lachen zu verkneifen. Gestenreich untermalte sie ihre weiteren Ausführungen.

„Kohn beginnt erneut die Prozedur, wie bei den beiden zuvor. Die Rothaarige kontert schlagfertig, fackelt nicht lange rum, gibt die gewünschten Antworten, was Kohn zu wahren Beifallsstürmen hinreißt.“ Immer wieder musste sie in ihren Erzählungen an bestimmten Passagen selbst über sich kichern.

Als Karin schließlich zur Pointe gelangte, konnte sie kaum ihr Glucksen unterdrücken. Obwohl Carla den  Witz schon mehrmals gehört hatte, so musste sie auch heute wieder mitlachen.

 Karin prustete wild los, und Petra fiel schallend in das Gelächter mit ein.

„Echt gut!“, stimmte Petra bei und rieb sich die Augen trocken.

„Heute hast du besonders gut erzählt, wirklich großartig!“, lobte Carla und strahlte.

 Bei Karin hinterließen salzige Tropfen eine schwarze schmierige Spur bis zu ihrem Ohr. Während ihres Lachanfalles hatte sie mit ihrem Handrücken immer wieder über Augen und Wange gewischt und damit Wimperntusche und Schminke zu einer unschönen Maske verrieben.

 Nachdem sich Karin von ihrem Gekicher beruhigt hatte, fiel sie plötzlich in Carlas Arme und stöhnte.

„Ach, Carla …“, und drückte sie fest an sich.

Carla war sich einen Moment nicht sicher, ob Karin jetzt lachte, oder weinte und ließ die stürmische Zuneigung gerne geschehen.

„Ist was? Ich meine, ist heute etwas Besonderes? Also … außer Schneiders Erfolg. Ist was mit dir?“

Irgendetwas an Karins Verhalten war heute anders.

„Nicht jetzt …, vielleicht an einem anderen Tag“, wich sie aus.

Ein seltsamer Ausdruck in den dunklen Augen ließ Carla aufhorchen. Ob wieder mal Stress mit Schneider angesagt war?

„Wir müssen das Leben genießen …, jeden Tag“, betonte Karin vielsagend und sah schrecklich komisch dabei aus.

„Komm, wir gehen mal zur Toilette und hübschen uns auf“, schlug Petra Karin vor und blinzelte Carla zu. Sie schien die Situation erfasst zu haben. Oder wusste die neue Nachbarin Petra Genaueres?

Willig hakte Karin sich bei Petra ein und ging aufrecht mit festem Schritt auf das Haus zu. Als die beiden aus ihrem Blickwinkel verschwunden waren, schaute Carla sich um. Neugierig ließ sie ihren Blick über die kleine Gesellschaft schweifen. Einige Leute hatte sie noch nie gesehen. An einem der Nachbartische machte sie Bettina und Ilona, Freundinnen von Karin aus, und ging auf sie zu. Die beiden Frauen waren mit von der Partie, wenn Karin sich ihre jährliche Auszeit nahm und sich auf einer Schönheitsfarm verwöhnen ließ. Neben ihnen stand eine Frau, die Carla nicht kannte.

„Hi, Carla“, flötete Bettina, „kennst du eigentlich Irina?“ Sie deutete dabei fragend auf die Unbekannte, deren Gesicht von schwarzem schulterlangem Haar eingerahmt wurde. Dunkelrote modische Strähnen schimmerten im zarten Flackern der Kerzen. Ihre hohen Wangenknochen waren stark ausgeprägt und ihr Gesicht hatte etwas Exotisches.

Ihre Augen funkelten dunkel unter fein geschwungenen Brauen hervor. Carla fand diese Frau sehr attraktiv; ein spannendes Gesicht.

„Hallo Irina“, grüßte sie freundlich und musterte sie verstohlen.

Sie trug ein schwarzes Top, das mit hunderten kleiner glitzernder Steinchen besetzt war. Der Stoff spannte sich über dralle Brüste, die sie freizügig wie in einer Obstschale darbot.

Offensichtlich verweilte Carlas Blick länger als beabsichtigt auf dieser Auslage, denn Bettina gab Carla lachend einen Klaps auf die Schulter.

 „Geile Titten, was?“

Bettina schnalzte mit der Zunge und rollte anerkennend ihre hellen Augen. Carla errötete. Es war ihr peinlich, so offen über die Brüste einer unbekannten Frau, überhaupt über die Brüste einer anderen Frau zu sprechen.

„Äh, ja ... bemerkenswert“, stotterte sie verlegen und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Na ja, du brauchst ja bei dir nichts machen zu lassen, Naturtalent.“ Bettina griff frech eine von Carlas Brüsten, als wolle sie deren Gewicht prüfen.

 „Hey …, spinnst du?“ Mit der offenen Hand wehrte Carla ab.

 Die anderen Frauen lachten schrill.

„Na ja, Irina hat ja auch nachgeholfen, nicht jede hat solches Glück wie du“, verriet Bettina neidisch. Zustimmend nickten Ilona und Irina.

 „Nicht billig!“, gestand Irina, „Doch ich kann es mir erlauben. Außerdem steigert das Äußere in meinem Job enorm das Selbstvertrauen.“

„Was arbeitest du?“, fragte Carla neugierig geworden. „Ich meine, wenn Brüste dabei Erfolg bringen?“

Lächelnd antwortete Irina: „Mädchen für alles.“

Carla fragte sich, ob es sein könnte, dass eine Freundin Karins auf den Strich ginge.

„Was meinst du mit Mädchen für alles?“

 „Oh, Kindchen ...“, es klang herablassend, „nicht das, was du denkst.“

Ertappt errötete Carla erneut und ärgerte sich über sich selbst.

„Ich bin als Dienstleisterin im Außenhandel tätig. Häufig reise ich nach Russland. Mit meinen Sprachkenntnissen, muttersprachlich Russisch“, dabei rollte sie das R bei russisch besonders stark und kokettierte, „und fließendem Deutsch, habe ich da beste Karten“, erklärte sie. „Ich vermittle bei Geschäften zwischen russischen und deutschen Firmen. Ämter, Formulare, der bürokratische Dschungel eben. Meist geht es um Risque-Capital. Ein einträgliches Geschäft, bei dem ich gute Provisionen erziele.“ Nachdrücklich hob sie ihre Augenbrauen.

 „Ich pendle. Mal bin ich in Petersburg und Moskau, Berlin oder Heidelberg. Und heute bin ich ganz privat, um meine Freundinnen zu sehen.“ Ihren Kopf leicht nach vorne gebeugt, verriet sie verschwörerisch „Ich genieße es wirklich, mit euch zusammen zu sein“ und senkte dabei ihre dunkle Stimme.

„Aber Hallo ...“, unterbrach Ilona. „Schaut mal da!“ Sie nickte mit dem Kopf in Petras Richtung. „Habt ihr die Neue aus Karins Nachbarschaft gesehen? Flach wie ein Bügelbrett“, lästerte sie und zog eine fiese Grimasse.

„Dann trägt das Dööfchen auch noch so ein eng anliegendes weißes Shirt und jeder sieht ihre dicken Nippel“, kommentierte Bettina „Iss doch peinlich!“

„Die sind doch sicher aufgeklebt“, mutmaßte Irina, wobei sie ‚aufgeklebt‘ wie ‚aufgekläbbt‘ aussprach.

„Oh ja, sehr peinlich!“, pflichtete Carla bei und war unsicher, ob hier Ironie oder bitterer Ernst eine Rolle spielten.

Der Klüngel zog jedoch weiter über Petra her, allen voran Ilona.

„Das kann man doch machen lassen. Das ist doch heute kein Thema mehr und erlauben wird sie es sich doch wohl können, wenn sie die Villa der alten Engelke gekauft hat, oder?“

„Vielleicht ist sie deswegen ja auch pleite?“ Bettina schielte ungeniert zu Petra rüber. „Was arbeitet die eigentlich?“

„Keine Ahnung!“

„Übrigens, eine Kollegin hat mir ihre einhundertfünfzig Gramm Tropfenform kürzlich auf der Toilette gezeigt, ein Traum, sag ich euch!“ Ilona rollte die Augen, „Wie bei einer jungen Schwarzen standen die süßen Tütchen. Echt lecker. Nur an der Brustunterseite sah man noch die feinen rosa Streifen vom Einschub.“

„Aber das sieht man doch nur, wenn man auf den Rücken gelegt wird. Ich reite lieber oben“, verriet Irina mit anzüglichem Grinsen.

„Wobei mir die Methode mit dem Seiteneinschub besser gefällt, da kommt das Implantat unter das Muskelgewebe und es fühlt sich einfach viel echter an“, belehrte Ilona fachmännisch.

„Und die Narben?“, fragte Bettina.

„Na ja, da sollte man schon wissen, wie die eigene Haut vernarbt, wenn du weißt, dass du zu Wülsten neigst, ist das nicht das Gelbe vom Ei. Wobei mit Cremes und Massagen schon viel verhindert werden kann.“

Irritiert folgte Carla dem Schlagabtausch und der Fachsimpelei der Frauen und wurde sich erst jetzt bewusst, dass diese Unterhaltung keineswegs ein Scherz sein sollte.

„Würde ich mir was aufpolstern lassen, dann durch die Nippel“, verriet Bettina weiter, „da siehst du fast keine Narben.“

Die drei laberten weiter, bis Petra und Karin von der Toilette zurückkamen.

Die Runde verstummte jäh, als Petra einen fröhlichen „Guten Abend“ verlauten ließ. „Ich bin die Petra und neu hier!“.

Damit hatten sie wohl nicht gerechnet. Mit dieser entwaffnenden Herzlichkeit. Wefzen, dachte Carla mit unterdrückter Wut. Es war eine stille, nach innen gekehrte Wut, zu der sie sich selbst nicht für fähig gehalten hätte. Wie konnten intelligente Frauen so denken, so urteilen?

„Stören wir?“, fragte Karin mit ihrem untrüglichen Sinn beiläufig. Bettina, Ilona und Irina blickten betreten drein. Carla rieb verlegen an ihrem rechten Ohr und drehte den schweren Ohrring. Schweigen.

Äh …, wir haben gerade über deine – wie immer göttliche – Dekoration geredet“, schleimte Bettina. „Wunderschön, echt Karin“, schwelgte sie weiter, ihre Stimme klang unnatürlich schrill.

„Ja, genau, toll“,  versicherte Ilona.

„Hallo Petra! Ich bin Irina, die Russin, wie man mich nennt.“

Was nun auch die anderen beiden Frauen zum Anlass nahmen, sich artig vorzustellen. Sie brachten ihre angebliche Freude zum Ausdruck, Petra kennenzulernen.

Irgendwie war die Luft raus. Das Gespräch verlief nur noch schleppend, wurde gestelzt und lähmend. Ilona heuchelte Interesse an Petra. Carla fühlte sich nicht wohl dabei. Sie spürte besonders gegen Ilona eine körperliche Abneigung und wollte sich aus dieser unangenehmen Situation herausnehmen. Am besten abhauen.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch gar nichts gegessen hatte. Oben am Haus, wo das Buffet aufgebaut war, sah sie Lars. Der geeignete Moment sich aus dem Staub zu machen, dachte sie bei sich.

 „Wir sehen uns später“, sagte sie zu Karin und Petra, „ich schau mal, was deine Küche für mich zu bieten hat.“

 Sie verließ die Gruppe und steuerte auf das hell erleuchtete Buffet zu.

„Hallo, meine Prinzessin“, rief Lars strahlend, „wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?

Er küsste ihr Haar.

„Wild rumgeflirtet, hm?“, neckte er und sein Gesichtsausdruck verriet Carla, dass es ihm gut ging. Sicher hatte er sich prächtig mit Schneider unterhalten. Dessen Erfolg war ja ein wenig auch sein eigener.

 Mit einem Schmunzeln schüttelte Carla ihre rote Mähne.

„I wo, war bei Karin und der neuen Nachbarin.“

„Ne Neue in der Straße?“

 „Ja, Petra heißt sie. Interessante Frau! Gefällt mir“, verriet Carla lachend.

„Dann will ich sie unbedingt kennenlernen“, neckte er. „Lade sie doch einfach mal zu uns ein und ihren Mann natürlich auch.“

 „Mann? Keine Ahnung, ob sie einen hat, darüber haben wir nicht geredet. Karin hat wieder ihren Kohn-Witz erzählt, ich habe mich halb schlapp gelacht, obwohl ich ihn schon x-mal gehört habe. Sie erzählt ihn jedes Mal ein wenig anders und heute ganz besonders gut“, schmunzelte Carla. „Doch jetzt muss ich etwas essen. Hunger!“

„Na, dann …!“ Lars griff nach ihrer Hand und zog sie zu einem hohen Stapel mit Tellern. „Da haben wir was gemeinsam. Auch ich wollte mir gerade einen Teller füllen. Ich kam einfach nicht dazu. Schneider ist in Bestform, ganz wie zu alten Zeiten.“

Carla nickte und fragte sich, welche Zeiten er wohl genau meinte. Mit Köstlichkeiten beladen schlenderten sie zu einem der freien Stehtische und begannen zu essen.

„Lars, du glaubst nicht, was ich eben miterlebt habe!“, begann sie mit halbvollem Mund und erzählte von dem fiesen Verhalten der Frauen Petra gegenüber.

„Widerlich, sage ich dir ..., nur widerlich!“

Als sie geendet hatte, schaute sie ihre fettigen Finger an. Lars reichte ihr eine Serviette und amüsierte sich über ihre offensichtliche Empörung. Nahm er sie nicht ernst?

Alsbald nahm er das Thema Schneider wieder auf, erzählte von Doktor Tanaka, dem Japaner und Schneiders nächsten Zielen. Carla hörte nach einer Weile nur noch mit halbem Ohr zu. Schon wieder Schneider. Sie hatte jetzt keine Lust über Geschäfte zu reden, auch wenn es eigentlich sein Fest war.

 Sie gönnte es ihm ja und wusste, wie der Erfolg mit seinem Hobby begann. Lars war so stolz auf seinen Freund.

 

 Die beiden kannten sich schon seit etwas mehr als zehn Jahren. Sie hatten sich in der Galerie kennengelernt, als Schneider einen echten Barceló für Karin erstanden hatte. Hin und wieder trafen sie sich in der Folge privat und verstanden sich gut. Ihre Gespräche wurden intensiver, sie entdeckten Gemeinsamkeiten.

Die beiden Männer waren damals oft gemeinsam auf dem Rassel, wie sie es genannt hatten, oder zum Aufreißen unterwegs.

Das war vor Carlas Zeit. Als Carla und Lars dann ein Paar wurden, veränderte sich die Männerfreundschaft.

Sie wurde auf eine Art reifer und ernsthafter und sie bezogen manchmal die Frauen in ihre Treffen mit ein. Parallel entstand zwischen den Frauen eine freundschaftliche Beziehung. Mittwochs hatten sie einen Männerabend beibehalten, doch sie zogen nicht mehr um die Häuser. Das kleine Haus im Garten wurde zu ihrem Refugium. Dort tranken sie kostbare Weine, spielten Schach und manchmal palaverten sie stundenlang. Wenn sich die Paare in der Kohnvilla trafen, blieben Carla und Karin meist alsbald im Wintergarten alleine zurück. Karin war die perfekte Zuhörerin. Mit ihr konnte Carla alles besprechen, ganz anders als mit ihrer Mutter, die fast im gleichen Alter war. So entstand nach und nach eine innige Freundschaft zwischen den beiden Frauen.

Die Männer frönten derweil der Verlängerung ihres Mittwochabends.

Irgendwann hatte sich Schneider getraut, Lars eine seiner Arbeiten im Gartenhäuschen zu zeigen. Beeindruckt von dessen Können hatte Lars seinem Freund die Möglichkeit angeboten, einfach mal zwei Werke bei ihm auszustellen.

Schon nach einer Woche war eines davon zu einem Hammerpreis verkauft worden. Für Schneider war das Arbeiten im Gartenhaus Ausgleich zu seiner Büroarbeit.

 „Hey, du hörst mir ja gar nicht mehr zu, Prinzessin!“

„Entschuldige, Lars! Habe gerade die Frauen drüben beobachtet. Ich frage mich, was Karin an denen findet?“, schummelte sie. Tatsächlich hatte sie die Frauen beobachtet, doch ihre Gedanken waren ihr wieder davongeflogen.

„Die sind so ..., so unecht, so oberflächlich. Karin ist doch gar nicht so.“ Und wirklich waren ihre Gedanken bei Karin hängen geblieben, bei ihrer klugen Freundin, die sie so bewunderte.

„Mag sein!“, stimmte Lars zu.

„Schönheitsfarm-Mädels!“, lästerte Carla.

„Diese Irina ...“, Carla machte eine bewusste Pause und grinste,  „scheint ja ein heißer Feger zu sein.“

 „Ja, sie hat was“, stimmte Lars mit einem Augenzwinkern zu.

„Hey ..., so war das nicht gemeint. Finger weg!“, drohte sie.

„Ach, Prinzessin, du weißt doch, ich habe nur Augen für dich! Du hast mich immun gemacht für die Reize der anderen Frauen“, neckte er und küsste sie zärtlich auf den nackten Schulteransatz. Mit der anderen Hand umfasste er ihre Taille. Sie wusste, dass Lars sie vergötterte, und ging davon aus, dass er ihr treu war. Wenngleich er nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass sein Vorleben recht wild gewesen war, glaubte sie ihm. Für sie selbst war es undenkbar, mit einem anderen Mann ins Bett zu springen.

 „Du bist so süß“, beteuerte er.

„Na, dann ... auf zum Nachtisch.“

 „Süßmaul“, raunte er ihr zärtlich zu, „bringst du mir was mit?“

„Gerne.“ Sie grinste und kam kurze Zeit später mit zwei kleinen Schälchen Mousse zurück.

 „Oh, Schoko, das macht so sinnlich“, träumte Lars und tauchte seinen Zeigefinger tief in das cremige Mousse ein. Fordernd hielt er den mit der braunen Masse beschmierten Finger vor Carlas Mund.

„Lecken!“, wisperte er mit sehnsüchtigem Blick auf ihre Lippen.

Unerwartet begann sie laut zu lachen.

Verwundert zuckte Lars mit den Schultern.

„Was gibt es da zu lachen?“

„Na, es ist ... weil Karin hat …" Sie kam nicht weiter, weil sie bei dem frivolen Gedanken, den sie soeben hatte, auch wieder an Karins frechen Witz denken musste. Eine zweideutige Pointe, die jedoch gesellschaftsfähig war.

„Was hat Karin?“ Lars wurde angesteckt von ihrem Lachen und verzog, ohne den Grund zu kennen, schon das Gesicht zu einem breiten Grinsen.

„Komm ..., spuck es aus ..., was hat Karin? Spann mich nicht so auf die Folter.“

In diesem Moment kam Nele, eine langjährige Mitarbeiterin, die schon der alte Kohn eingestellt hatte. An ihrer Seite ein rundlicher Mann, der ihr Bruder hätte sein können. Irgendwie hatten die beiden eine gewisse Ähnlichkeit.

Carla kannte Nele flüchtig. Sie hatte sie einige Male in der Firma gesehen, wenn sie etwas für Karin gebracht oder abgeholt hatte.

„Was habt ihr beiden denn zu lachen?“, fragte Nele freundlich und ihre rosigen Wangen formten sich zu zwei Knubbeln, die noch einen Ton dunkler waren, als ihr übriges Gesicht.

Lars hob die Hände:

„Sorry, ich weiß es auch noch nicht. Karin hat, Karin hat, so weit kam Carla und dann begann sie jedes Mal zu lachen.“ Lars schaute die rundliche Frau neugierig an.

„Hallo Carla“, Nele streckte Carla ihre Hand entgegen.

„Darf ich dir meinen Mann vorstellen?“

Also doch nicht der Bruder, dachte Carla.

„Das ist mein Karl.“ Mit liebevollem Lächeln deutete sie auf den Mann neben sich.

Karl reichte Carla seine kräftige Hand, eher eine Pranke. Der unerwartet sanfte Händedruck überraschte sie.

„Isch bin de Karl. Un wann`s was zu lache gebt, dann bin isch debei“, sagte er mit einer singenden Stimme und wandte sich zu Lars.

„Jetzd sach dem Mädel, sie soll`s verrode ...!“

Insgeheim grübelte Carla. Was sollte sie nun sagen?

Konnte sie vor Nele und deren Mann den Witz wiederholen?

Lars, Nele und Karl schauten sie erwartungsvoll an.

„Unn, jungi Fraa? Hods dir die Sprooch verschlache?“

 „Na los, Carla ..., komm, was hat Karin?“, forderte Lars sie auf.

„Karin hat ihren alten Kohn-Witz erzählt. Der ist mir gerade wieder in den Sinn gekommen. Sicher kennst du den schon längst!“, meinte sie zu Nele gewandt.

Nele schüttelte belustigt den Kopf. „Nein, das Vergnügen hat uns Karin noch nicht gemacht.“

Allen Mut zusammennehmend, wiederholte Carla, den Witz und musste ihn gut erzählt haben. Ihre Zuhörer brüllten vor Lachen.

Selbst Lars klatschte begeistert in die Hände.

„Ich erkenne meine eigene Frau nicht wieder.“

 Karl wieherte, dass sein runder Bauch bebte.

Nele rieb sich die Augen.

„Carla, ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass du so leidenschaftlich Witze erzählen kannst!“

Geschmeichelt wiegelte Carla ab.

„Ich habe nur wiederholt, was Karin schon erzählt hatte.“

„Dann kann wohl auch Karin gut Witze erzählen“, konterte Nele mit einem Lachen. „Das muss sie unbedingt auch mal in der Firma tun, damit es nicht so trocken bei uns zugeht.“

Ihr Gesicht verriet, dass sie diese Aussage nicht ernst meinte. Carla fühlte sich sehr entspannt und genoss das Plaudern in dieser Runde. Nele und Karl strahlten eine lebendige Heiterkeit aus, die ansteckend wirkte. Lars und sie verbrachten fast den restlichen Abend mit den beiden und hörten begeistert zu. Carla war besonders interessiert, wenn andere Menschen aus ihrem Leben erzählten. Karl, ausgestattet mit dem Talent eines lebendigen Erzählers, berichtete auf spannende Weise, wie er seine Nele kennengelernt hatte, wie ihnen ihr Herzenswunsch nach einem gemeinsamen Kind erfüllt worden war. Carla folgte ihm mit großer Rührung.

Als Nele und Karl sich herzlich von ihnen verabschiedeten, schlenderten Carla und Lars an den anderen Tischen vorbei. Mal gesellten sie sich eine Weile dazu, meist nur für die kurze Dauer eines Smalltalks. Schneiders Gestikulieren an einem der Nachbartische lenkte Lars ab. Als dort laut gelacht wurde, raunte er Carla ins Ohr.

„Lass uns mal rübergehen.“

Schneider war in seinem Element. Er scherzte, lachte, war höflich und charmant, so wie ihn Karin damals wohl kennengelernt hatte. Ob Lars das vorhin gemeint hatte als er von ‚früher‘ sprach?

Denn von Karin wusste sie, dass er früher mal für heftigen Zoff gesorgt hatte. In einem sehr vertrauten Moment hatte Karin ihr davon berichtet, dass Schneider vor Jahren den Ruf der Firma in Gefahr gebracht hatte. Eine Affäre mit einer Mitarbeiterin hatte für Wirbel in den Kohnwerken gesorgt. Karin verriet Carla im Vertrauen, dass sie sich in ihrer unbändigen Wut sogar zu sehr vulgären Worten habe hinreißen lassen.

 „Ich habe mich damals so gedemütigt gefühlt, ich habe geschrien, ich war außer mir: Du kannst dir deinen Schwanz blutig vögeln! Doch wage niemals mehr, deine Beute in der Firma zu suchen!“ Karin schämte sich vor ihren Mitarbeitern, die sogar durch die geschlossenen Bürotüren die laute Auseinandersetzung mitbekommen hatten.

Nach diesem Zwischenfall, wie Karin es bezeichnet hatte, schien Schneider sich an die Abmachung zu halten. Danach lief es auch wieder besser zwischen Karin und ihm. Die Grenzen waren gezogen. Höflich und respektvoll gingen sie miteinander um. Carla hatte stets zwiespältige Empfindungen zu Schneider. Er war eben der Freund ihres Mannes.

Gegen Mitternacht verließen immer mehr Gäste das Fest. Carla fröstelte in ihrem dünnen Kleid. Sie hätte sich eine Stola mitnehmen sollen. Aufmerksam legte Lars seinen Arm um ihre Schulter.

„Kalt, Prinzessin?“

„Hm“

„Lass uns heimfahren“, schlug er vor „wir können bei uns noch einen Absacker nehmen.“

Schneider umarmte Lars und klopfte ihm kumpelhaft auf den Rücken.

„Alter, was ich dir alles zu verdanken habe ...“ Er ließ den Satz unvollendet. Er schien gerührt zu sein. Schmunzelnd nahm Carla ein feuchtes Glitzern in seinen Augen zur Kenntnis. Diese Gefühlsregung machte ihn doch wieder richtig sympathisch.

„Kommt gut heim“, raunte ihr Schneider beim Abschied ins Ohr.

Heute Abend war er wirklich charmant. Carla hatte das Fest unerwartet genossen, abgesehen von den blöden Lästerweibern. Am Tor umarmte Karin Carla lange.

„Bring ihn gut heim, deinen Lars. Du fährst doch sicher?“

„Klar! Ist ja nicht weit ...“, beruhigte Carla.

Karin hob den Zeigefinger.

„Du weißt, die Entfernung spielt keine Rolle. Die Polizei kann dich vor der Garage erwischen.“

„Stimmt!“ Carla grinste und hakte sich bei Lars unter.

Eng umschlungen gingen sie die Straße entlang zu ihrem Parkplatz. Genüsslich kuschelte Carla sich an Lars.

Sie lenkte den Wagen aus der Parklücke und konzentrierte sich auf das Fahren. Eine zärtliche Hand machte sich an dem weichen Stoff ihres Kleides zu schaffen und suchte den Weg unter den kleinen, hauchdünnen Slip.

„Du kannst wohl nie genug bekommen.“

 

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